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Ratgeber

Sterben – In Frieden loslassen

Wann ist ein Mensch ein "Sterbender"? Dies ist zunächst eine medizinische Frage, die hier nicht beantwortet werden kann. Die allerletzte Lebenszeit eines Menschen ist von ganz eigenen körperlichen Vorgängen und psychischen Befindlichkeiten geprägt. Es wird an dieser Stelle von Menschen als sterbend gesprochen, die wissen, dass ihnen nur noch eine sehr begrenzte Lebenszeit zur Verfügung steht, sich aber noch nicht im unmittelbaren Sterbeprozess befinden.

Wenn der Tod Erlösung ist

Nur wenige Menschen sind froh, dass ihr Leben zu Ende geht. Wenn überhaupt sind es meist Hochbetagte und Menschen, die eine Krankheit lange gequält hat. Sie gelangen zuweilen innerlich an den Punkt, wo sie den Tod erwarten, ja, erhoffen. Ein Gespräch mit diesen Menschen ist in erster Linie für den Besucher traurig: Er weiß um die bevorstehende Trennung. Vom Inhaltlichen her ist ein solches Gespräch aber oft geprägt von Harmonie, Frieden und Dankbarkeit. Manchmal gibt es auch kein Gespräch im eigentlichen Sinn mehr: Scheinbar ist der Sterbende schon in einer anderen Welt und spricht nicht mehr. Wer eine solche Atmosphäre erlebt, sollte sie aushalten und versuchen, aktiv da zu sein. Das bedeutet: Man sollte mit den Gedanken bei dem Menschen sein, der besucht wird. Es können mit ihm auch in angenehmer Lautstärke und ebensolchem Tonfall Sätze der Dankbarkeit und der Wertschätzung gesagt werden - wenn deren Aussagen stimmen.

Rahmenbedingungen

Sterbende reagieren – zumindest wenn ihr Bewusstsein nicht durch Medikamente getrübt ist – deutlich sensibler, richtiger: empfindlicher als Gesunde. Dem gilt es, vor und bei dem Gespräch Rechnung zu tragen. Es soll keine Bevormundung sein, wenn nun sehr praktische Ratschläge folgen. Wenn diese ohnehin beachtet worden wären, umso besser! Das Handy sollte ausgeschaltet sein. Sollte ein Radio, ein CD-Spieler oder ein Fernsehgerät in Betrieb sein, sollte darum gebeten werden, es ausschalten zu dürfen. Es sollte versucht werden, so normal wie möglich zu sprechen. Der Mensch, der besucht wird, erwartet - im Normalfall - weder Flüstern, gestelztes Sprechen oder salbungsvolle Worte. Er kennt den Besucher und wird hoffen, ihn so normal wie möglich erleben zu können. Zudem sollte im Raum auf eine für beide Gesprächspartner angenehme und nicht ablenkende Helligkeit geachtet werden. Und: Man sollte sich auf Augenhöhe mit dem zu Besuchenden begeben. Auch wenn es so nicht gemeint wäre: Stehen zu bleiben, während ein anderer liegen muss, macht den Liegenden zum Unterlegenen und Sprache und Gestik wirken herablassend.

Daher sollte Blickkontakt gesucht und auch ein fragender und forschender Blick ausgehalten werden. Vor dem Gespräch sollte man sich einprägen, jeden ungefragten und spontanen Körperkontakt vermeiden zu wollen. Tränen aushalten zu müssen ist manchmal richtiger, als Tränen mit einer gut gemeinten Umarmung schnell zum Versiegen zu bringen. Eine einfache Frage wie "Tut es Dir gut, wenn ich Dich in den Arm nehme?" schafft im Zweifelsfall Klarheit. Zudem sollten sich die Besucher vorher selbst zur Ehrlichkeit verpflichten. So wie es nichts mit Lieblosigkeit zu tun hat, wenn man ehrlich spricht, hat es nichts mit Liebe zu tun, wenn man eine Situation verkrampft "schönfärbt".

Hinweis: Jemand, der noch nie gejoggt ist, wird nicht mit der Marathondistanz sein Programm beginnen. Deshalb sollte man sich vorher fragen: Wie lange wird meine Kraft wohl reichen? Nicht wenige Menschen überschätzen dabei sich und ihre emotionale Belastbarkeit. Eine Stunde ist nicht wenig: Besser ist ein zweiter Besuch in den nächsten Tagen. Der Besuch sollte aber auch nur angekündigt werden, wenn er auch wirklich eingehalten wird.

Zuerst: Nachdenken über sich selbst

Niemand kann professionell "Sterbebegleiter" sein - es gibt inzwischen wirklich das Berufsbild der Sterbeamme und des Sterbegefährten -, ohne sich über sich selbst klar zu werden. "Selbstexploration" - so der Fachbegriff - bezeichnet dabei den Prozess, in dem sich Menschen selber erforschen und dadurch Rechenschaft über ihr Handeln ablegen. Folgende Fragen helfen dabei: Woher schöpfe ich Kraft und Energie? Welchen echten Sinn hat das Leben für mich? Woher komme ich? Wohin gehe ich? Was wird wohl nach dem Tod sein? Was möchte ich durch mein Leben bewirken? Wie sieht mein innerer Weg aus? Was ist für mich stimmig? Warum will ich helfen? Was möchte ich, dass andere für mich tun, wenn ich einmal sterbe? Was sind Charakteristika von mir? Wie möchte ich, dass andere mit mir über mein Leben sprechen? Das Ziel dieser Fragen: Über Wesentliches sollte letztlich nur der sprechen, der über sein eigenes Wesen nachgedacht hat. Das ist ein hoher Anspruch! Das Augenmerk kann vor allem auf die letzte Frage gerichtet werden: Wie möchte ich, dass andere mit mir über mein Leben sprechen? Die Antwort darauf sollte sich jeder in jeder Lebenslage geben können. Aber auf jeden Fall, bevor man ein Gespräch beginnt, von dem man ahnt, dass es eines der letzten sein wird, das mit diesem Menschen geführt wird.

Die Situation des Schwerkranken

Selten stößt man so an die Grenze dessen, was man raten kann und darf, wie bei dem Blick auf die Situation des Sterbenden. Denn jeder, der sich als Besucher oder Begleiter eines Sterbenden dazu äußert, ist nur Beobachter des Sterbeprozesses. Anders, nüchtern, aber nicht verletzend gemeint: Der Experte ist der Sterbende, nicht der Besucher, auch nicht ein Arzt oder ein Mitglied vom Pflegeteam. Diese Wahrheit gilt es, im Blick zu behalten. Sie wird alle, die in den Prozess des Sterbens einbezogen sind, vorsichtig und behutsam in der Wahl von Worten und Gesten machen. Und es gilt zu bedenken, worum es geht: Der Sterbende steht vor der Aufgabe, sein Leben loslassen zu müssen. In ihm sind möglicherweise noch große Wünsche wach, vielleicht quälen ihn aber auch Schuld- oder Schamgefühle beim Rückblick auf das eigene Leben. Trotzdem – oder vielleicht gerade deshalb kann ein Gespräch gut tun und hilfreich sein.

Sterbephasen

Folgende Sterbephasen werden von Elisabeth Kübler-Ross, einer der bedeutendsten Sterbeforscherinnen, benannt und dokumentiert:

  1. das Nicht-Wahrhaben-Wollen
  2. der Zorn
  3. das Verhandeln
  4. die Depression
  5. die Zustimmung

In den Phasen eins bis drei geht es um den Umgang eines Schwerstkranken mit seiner Diagnose. In der Depressionsphase brechen in einer Art Lebensbilanz oft schmerzhaft Erinnerungen an Versäumtes und an erlittenes oder auch getanes Unrecht auf. In der Phase der Depression mit einem Sterbenden zu sprechen, ist nicht leicht. Wenn es möglich ist, sollte mit dem Sterbenden nach Lösungen für Unerledigtes gesucht werden. Zum Beispiel Möglichkeiten, Vergebung und Verzeihung von Menschen zu erbitten, denen er etwas schuldig geblieben ist. Die Unterstützung durch einen Vertreter der Religionsgemeinschaft, der ein Sterbender angehört, kann eventuell dabei hilfreich sein. Auch kann eine Änderung des Blickwinkels versucht werden: Der Mensch kann dazu ermuntert werden, von sich und seinen Fähigkeiten zu sprechen. Auch einfache Dinge, die ein Mensch gut beherrschte, haben sicher anderen Menschen Freude bereitet. Man muss nicht erst ein Buch geschrieben haben, um etwas aus seinem Leben gemacht zu haben. Sollte man selbst etwas Wertvolles und Schönes durch diesen Menschen erfahren haben, sollte dies angesprochen und Dankbarkeit gezeigt werden. Wenn ein Sterbender einen Wunsch äußert, sollte versucht werden, diesen zu erfüllen. Und: Es sollten auch Wünsche akzeptiert werden, die dem Besucher gegenüber geäußert werden: "Bitte geh!", ist kein verletzender Rauswurf und "Bitte bleib!" keine Fessel.

Letzte Wünsche

Im Sterben gleichen sich die Bedürfnisse der Menschen sehr an. Sie werden an dieser Stelle wertfrei als letzte Wünsche eines Sterbenden an seine Mit- und Umwelt genannt: Sterbende haben wenig Bedürfnis nach Nahrung, wohl aber nach Flüssigkeitsaufnahme. Sie wünschen sich: Ruhe ohne Verlassenheit; Anwesenheit von wohlwollenden Menschen, auch wenn der Sterbende sehr emotionale, eventuell auch verletzende Dinge sagt; Wertschätzung und Würde - bis zuletzt; Verbundenheit, noch nicht: Trauer um sie. Medizinisch bleibt das Gehör am längsten aktiv. Das sollte berücksichtigt werden, wenn im Zimmer des Sterbenden gesprochen wird – mit wem auch immer. Es wäre furchtbar, wenn das letzte, was den Sterbenden erreicht, ein ungutes Wort über ihn oder eine Diskussion über den Verlauf der Bestattung oder gar die Verteilung des Erbes wäre. Leider ist gerade dieser Rat sehr angebracht.

Thomas Multhaup